Eine Antwort

Sehr geehrter
Herr Bundeskanzler

„Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.“

Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP), Bürgerdialog „Österreich im Gespräch", Salzburg, 6. August 2026

Worum es geht

Erwachsene Frauen leisten in Österreich im Schnitt 4 Stunden 19 Minuten unbezahlte Arbeit pro Tag, das sind über 30 Stunden pro Woche. Mütter mit Kindern unter drei Jahren wenden allein für Kinderbetreuung durchschnittlich 4 Stunden 12 Minuten täglich auf, mehr als das Zweieinhalbfache der Väter. Dieselben Tätigkeiten werden im Kindergarten nach Kollektivvertrag bezahlt, während sie zu Hause weiterhin als keine Arbeit gelten.

Diese Seite fasst in fünf Punkten zusammen, warum diese Einordnung nicht haltbar ist, und sammelt zudem Zahlen von denen, die die Arbeit tatsächlich leisten. Unten können Betreuungspersonen anonym eintragen, wie viele Minuten ihr gestriger Tag gekostet hat, damit am Ende die Summe dessen sichtbar wird, was Sie „keine Arbeit" nennen.

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Arbeit ist, wofür man jemanden anstellen könnte.

Wickeln, kochen, bringen, beaufsichtigen, waschen, organisieren: all das sind Tätigkeiten, für die es auf dem Arbeitsmarkt einen Beruf gibt, und was man an eine bezahlte Kraft abgeben könnte, ist eben Arbeit. Es spielt dabei keine Rolle, wer diese Arbeit tatsächlich tut, denn die Liebe zum eigenen Kind mag zwar der Grund sein, warum sie gemacht wird, sie ist aber nicht die Bezahlung dafür. Dass diese Arbeit in Familien überwiegend von Frauen geleistet wird, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis sozialer und ökonomischer Strukturen, die sich über Generationen fortsetzen.

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Der Staat bezahlt dieselbe Arbeit, nur nicht zu Hause.

Elementarpädagog:innen, Kindergartenassistent:innen und Tagesmütter werden für genau diese Tätigkeiten entlohnt, mit Kollektivvertrag, vorgeschriebener Ausbildung, festen Gruppengrößen und einer Aufsichtspflicht, deren Verletzung vor Gericht landet. Der einzige Unterschied ist der Ort, denn die Republik behandelt Kinderbetreuung längst als Arbeit, bezahlt sie aber nicht denjenigen, die sie zu Hause leisten, wovon Mütter überproportional betroffen sind.

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Warum diese Einordnung übergriffig ist.

Hier wurde nicht nur ein persönliches Gefühl geäußert, sondern behauptet, dass diese Arbeit ökonomisch nicht existiert, und das aus dem höchsten Amt der Republik über die Realität derer hinweg, die sie täglich leisten. Das ist übergriffig, weil aus einer Position der Macht über die Lebensrealität anderer entschieden wird und weil es ein Muster verstärkt, in dem unbezahlte Sorgearbeit als selbstverständlich vorausgesetzt und gleichzeitig unsichtbar gemacht wird, wovon vor allem Frauen betroffen sind.

4

Das Tagebuch: Wie viel „keine Arbeit“ tatsächlich ist.

Wer diese Arbeit leistet, kann hier eintragen, wie viele Minuten gestern auf welche Aufgabe gefallen sind, anonym, ohne Konto und ohne Text, während ausschließlich die Summen aller Eintragungen veröffentlicht werden.

Tagebuch, anonym

Denken Sie an gestern. Wie viele Minuten waren es ungefähr? Sie müssen nicht alles ausfüllen. Jede Zeile, die Sie kennen, genügt. Nichts wird einzeln veröffentlicht.

Ihre Rolle

Aufstehen, Anziehen, Schlafenbringenhmin
Essen zubereiten und fütternhmin
Bringen, Holen, Wegehmin
Wäsche, Putzen, Haushalthmin
Trösten, Spielen, Vorlesenhmin
Krankheit und Arztterminehmin
Termine, Organisation, Mitdenkenhmin
Nachts aufstehenhmin
Ihr Tag bisher0 min

Was hier zusammengekommen ist

erfasste Betreuungs- und Hausarbeit, in Summe
einzelne Einträge, also erfasste Kategoriezeilen
im Schnitt pro einzelnem Eintrag

Noch keine Einträge erfasst.

Gespeichert werden ausschließlich Rolle, Kategorie, Minuten und das Kalenderdatum. Weder IP-Adresse noch Browserkennung noch ein genauer Zeitstempel werden erfasst, eine Zuordnung zu einer Person ist daher auch für die Betreiber:innen nicht möglich. Öffentlich sichtbar sind ausschließlich Summen über alle Eintragungen. Es handelt sich um eine freiwillige Selbstauskunft, nicht um eine repräsentative Erhebung. Details in der Datenschutzerklärung.

5

Was zu tun wäre.

Strukturelle Veränderung braucht politische Entscheidungsträger:innen, die die ökonomische Realität von Sorgearbeit kennen, bevor sie über sie sprechen, und die folgenden Maßnahmen setzen genau an den Punkten an, wo das System diese Arbeit am deutlichsten ignoriert.

  1. 01Mandatsträger:innen wählen, die Fakten vor Worte kommen lassenWer öffentlich über Sorgearbeit urteilt, muss wissen, worüber er spricht, und Politiker:innen gehören ins Amt, die sich vor dem Reden mit Daten, Expertise und den Betroffenen selbst auseinandersetzen.
  2. 02Pensionssplitting automatischPensionszeiten aus der Kinderbetreuung werden zwischen den Eltern automatisch geteilt, mit Widerspruchsrecht statt Antragspflicht, damit die Abwägung der Karriere nicht einseitig an eine Person gebunden bleibt.
  3. 03Kindererziehung besser anrechnenMehr Jahre und höhere Beträge werden auf dem Pensionskonto angerechnet, denn die Zeit, die in Erziehung investiert wird, muss langfristig abgesichert werden.
  4. 04Regelmäßig messenDie Zeitverwendungserhebung wird gesetzlich in einem fixen Intervall verankert, denn zwischen 2008/09 und 2021/22 lagen 13 Jahre, in denen die öffentliche Debatte ohne aktuelle Daten auskommen musste.

Diese vier Punkte sind ein Auszug möglicher Maßnahmen. Sie sind beispielhaft gemeint und ersetzen keine umfassende Reformdebatte.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, diese Arbeit wird jeden Tag geleistet, ob Sie sie so nennen oder nicht, und zur Debatte steht nicht, ob sie existiert, sondern ob dieses Land bereit ist, sie als das anzuerkennen, was sie ist: Arbeit.

Quellen

Diese Seite entstand nebenher von einer Mutter mit zwei Kleinkindern, während sie jene Betreuungsarbeit erledigte, die hierzulande oft noch als keine Arbeit gilt.